Coronavirus

Ist COVID-19 mit anderen Krankheiten vergleichbar?

Lesedauer unter 6 Minuten
Illustration mehrerer Viren auf grünem Hintergrund

Autor

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Dr. med. Ursula Marschall (Fachärztin für Anästhesie),
  • Dr. med. Utta Petzold (Dermatologin, Allergologin, Phlebologin bei der Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Die vom aktuellen Coronavirus ausgelöste Krankheit COVID-19 wird häufig mit der Grippe verglichen, weil beide Erreger Atemwegssymptome auslösen können. Doch das Virus unterscheidet sich von anderen Erregern – und genau diese Unterschiede machen es so gefährlich. In einem wichtigen Punkt aber ähneln sich Grippe und COVID-19: Wir können uns auf die gleiche Weise vor ihnen schützen – und so beide in Schach halten.

Das Coronavirus mit dem offiziellen Namen SARS-CoV-2 breitet sich seit Januar weltweit aus. Die Behörden versuchen, mit zahlreichen Maßnahmen, die Erkrankungszahlen niedrig zu halten. Doch immer noch hält sich die Meinung, dass eine Grippe (Fachbegriff: Influenza) viel gefährlicher als COVID-19 und die Maßnahmen deshalb übertrieben seien. Stimmt das?

Tatsächlich hat das neue Coronavirus Gemeinsamkeiten mit Grippeviren: Beide machen krank, beide befallen den Mund- und Rachenraum und manchmal die Lunge und können Schäden am Zentralnervensystem und dem Herzmuskel auslösen. Die Krankheiten, die die Viren hervorrufen, können sowohl sehr milde als auch ernsthaft verlaufen. Beide Infektionen können tödlich sein. Zudem gefährden beide Virenerkrankungen vor allem immungeschwächte und alte Menschen.

„Auch die Grippe ist keine harmlose Erkrankung“, sagt Andreas Podbielski, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene an der Universität Rostock. „Wir nehmen sie nur nicht als gefährlich wahr, weil wir sie schon lange kennen und weil wir gegen sie impfen können.“ 

Corona- und Grippeviren unterscheiden sich

Trotz aller Vergleichbarkeiten sind es vor allem die großen Unterschiede, die die derzeitige Pandemie so anders machen als eine Grippewelle: 

Zwar ordnen Virologen beide Virentypen dem gleichen „Bereich“ zu, nämlich dem der sogenannten RNA-Viren. Doch schon auf der nächsten Stufe gehören sie zu völlig verschiedenen „Stämmen“. Würde man die Einordnung der Virentypen mit Kategorien in der Zoologie vergleichen, so wären Grippeviren und Coronaviren in etwa so verwandt wie Hunde mit Bienen. Kein Wunder also, dass die Unterschiede groß sind.

Corona steckt mehr Menschen an

Stark unterscheiden sich die beiden Virentypen in der Ansteckungsrate: „Zwar werden sowohl Grippe- also auch Coronaviren mit der Tröpfcheninfektion übertragen“, sagt der medizinische Mikrobiologe Podbielski. Das bedeutet, dass sich die Erreger in kleinen Flüssigkeitstropfen befinden, die Menschen beim Sprechen, Niesen oder Husten in die Luft befördern. „Doch offensichtlich steckt das Coronavirus mehr Menschen an als die Grippe – wahrscheinlich, weil es länger in der Luft bestehen kann.“ Laut World Health Organization gibt ein Infizierter die Krankheit im Durchschnitt an zwei bis vier Menschen weiter – deutlich mehr als bei der Grippe. Das liegt wohl auch daran, dass sich die Coronaviren an einem ungünstigen Ort vermehren – nämlich im oberen Rachenraum. „Und vom oberen Rachenraum ist der Weg zum nächsten Patienten kurz“, sagt Podbielski.

Warum trifft uns Corona jetzt härter als SARS im Jahr 2003?

Die hohe Virendichte in Hals und Mund unterscheidet das neue Coronavirus SARS-CoV-2 auch vom Virus SARS-CoV-1, das im Jahr 2002/2003 eine Pandemie der Krankheit SARS – des Schweren Akuten Atemwegssyndroms – verursachte. „Die SARS-Welle verebbte schnell, sie kam in Deutschland gar nicht erst an“, berichtet Podbielski. Das habe wohl auch daran gelegen, dass sich das damalige Virus nicht im oberen Rachenraum vermehrt habe, sondern weiter unten in der Lunge. „So konnte es sich nicht so stark verbreiten, deutlich weniger Menschen steckten sich an.“
SARS-CoV-2 und SARS-CoV-1 sind beide Coronaviren und deshalb nah verwandt. Beide waren erst aus dem Tierreich bekannt – das SARS-Virus von Fledermäusen – und sprangen dann auf den Menschen über. Doch die Infektionen mit dem SARS-Virus im Jahr 2002/2003 endeten schnell: „Das Virus konnte sich offenbar nicht so gut an den menschlichen Körper anpassen und war deshalb weniger ansteckend,“ sagt Podbielski. Viren können nämlich nur dann überleben, wenn sie an ihre Wirtszellen andocken können, um Energie und Eiweiße daraus zu beziehen. Das erste SARS-Virus wurde deshalb nicht zu einer ernsthaften Bedrohung in Deutschland, es starb damals kein einziger Deutscher – weltweit gab es innerhalb eines halben Jahres 774 Tote.

Bei COVID-19 sind schwere Krankheitsverläufe häufiger

COVID-19 lässt sich also besser mit der Grippe vergleichen – die wir jedoch schon lange kennen. „Zwar sind nur wenige Menschen vollständig immun, doch die meisten kamen schon einmal mit Grippeviren in Kontakt und haben eine Art Grundimmunität entwickelt“, erklärt Podbielski. Das führt dazu, dass die Symptome einer Grippeinfektion bei vielen Menschen nicht so heftig ausfallen wie bei einer gänzlich unbekannten Krankheit. Gegen SARS-CoV-2 konnte noch niemand Abwehrmechanismen entwickeln. Das könnte einer der Gründe sein, warum mehr Patienten schwer erkranken und beatmet werden müssen.

Lediglich die Risikogruppe für schwere Verläufe unterscheidet sich: Influenza gefährdet besonders Kinder, Schwangere und Ältere. Beim Coronavirus sind Kinder und Schwangere nach aktuellem Wissensstand nicht besonders betroffen.

Gegen das Grippevirus gibt es Therapien

Die Menschheit hat gegen die Grippe bereits wirksame Waffen entwickelt: Impfungen und einige Medikamente. Eine Arzneistoffgruppe, die sogenannten Neuraminidasehemmer, können für die Vorbeugung und Behandlung der Influenza eingesetzt werden. Sie hemmen die Vermehrung von Viren und verkürzen den Krankheitsverlauf. Diese Stoffe wirken aber nicht bei Coronaviren, hier können die Ärzte die Symptome nur abmildern – und eine Impfung gegen SARS-CoV-2 gibt es noch nicht.

COVID-19-Symptome steigern sich langsam

„Was mir außerdem auffällt: Die Symptome entwickeln sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit“, sagt Podbielski. „Eine Grippe bringt den Infizierten mit klassischen Symptomen wie Gliederschmerzen und Schwächegefühlen schnell ins Bett.“ Menschen, die mit SARS-CoV-2 infiziert seien, bemerkten Krankheitszeichen wie Husten und Fieber zunächst kaum. „Die Symptome steigern sich langsam. Die Menschen merken oft erst nach Tagen, dass sie richtig krank sind.“ Infizierte sind so länger aktiv und stecken deshalb auch mehr Menschen an als bei einer Grippe.

Ein weiterer Unterschied: Die Todesrate ist nach aktuellem Wissensstand bei COVID-19 höher. „Bei der Grippe liegt die Letalität unter einem Prozent“, sagt Virologe Podbielski. „Zwar haben wir noch keine verlässlichen Daten über die Fallzahlen. Dennoch ist wohl sicher, dass der Anteil der Infizierten, die an COVID-19 sterben wird, deutlich höher liegen wird als bei der Grippe.“

Schutzmaßnahmen helfen – egal, gegen welches Virus

Fazit: SARS-CoV-2 ist ansteckender als die Grippe, lässt mehr Menschen schwer erkranken, verursacht voraussichtlich mehr Sterbefälle und es gibt noch keine Impfung oder Behandlung mit Medikamenten. Das Gesundheitssystem ist auf eine so hohe Zahl schwer Erkrankter auf einen Schlag nicht ausgelegt. Deshalb versuchen die Behörden vieler Nationen, die Infektionszahl niedrig zu halten, damit weniger Menschen gleichzeitig ins Krankenhaus müssen. Auf lange Sicht sollen so alle Menschen die Behandlung bekommen können, die sie benötigen.

Grippe und COVID-19 sind zwar sehr unterschiedlich, doch in einem Punkt gleichen sie sich sehr: Die Art und Weise, wie sich die Krankheiten übertragen und wie wir uns vor ihnen schützen können. Wenn Menschen nun wegen des Coronavirus die Hygieneregeln stärker beachten und Schutzmaßnahmen wie soziale Distanzierung ernst nehmen, dann wird sich das auch auf die Ansteckungsrate bei der Grippe auswirken – und in jedem Fall Leben retten.
 

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Webcode: a005334 Letzte Aktualisierung: 20.04.2020
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