Ein Wissenschaftler tropft Cannabis-Öl aus einer Pipette
Cannabis

Cannabis – Droge oder Medizin?

Lesedauer unter 7 Minuten

Redaktion

  • Barmer Internetredaktion

Qualitätssicherung

  • Tanja Peschel (Master of Science Molekulare Medizin, medproduction GmbH)
  • Dr. med. Martin Waitz (Arzt, medproduction GmbH)

Cannabis wird von manchen Menschen als Droge, von anderen als Medizin eingesetzt. Es ist in Deutschland grundsätzlich (noch) eine illegale Droge, doch für einige schwer kranke Menschen bezahlt die Krankenkasse Cannabis in der Verwendung als Arzneimittel. Wie kann ein und dieselbe Pflanze beides sein? Ist die Wirkung von medizinischem Cannabis anders als die von illegalem? Und warum macht es einen Unterschied, ob eine Person illegales oder medizinisches Cannabis konsumiert?

Cannabis – für einige Menschen ist es eine Droge, für andere hingegen Medizin. Die einen möchten einen Rausch erleben, die anderen Schmerzen oder andere Krankheitsbeschwerden lindern. Lässt sich eigentlich sagen, ob Cannabis, das auch unter der Bezeichnung Marihuana bekannt ist, mehr Droge oder mehr Medizin ist? Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen Medizin und Droge? Im Englischen heißen Medikamente „drugs“. Drogen aber auch. Ist der Unterschied vielleicht nicht immer so groß, ist die Wirkung nicht so gegensätzlich „gut“ gegen „böse“, wie das häufig dargestellt wird? 

Drogen – die Dosis macht den Rausch

Als Drogen gelten im allgemeinen Sprachgebrauch psychoaktive Substanzen, die bei Konsumenten eine Veränderung des Bewusstseins hervorrufen. Sowohl das psychische als auch das körperliche Empfinden kann verändert sein. Neben den typischen illegalen Stoffen zählen auch legale Mittel wie Alkohol und Nikotin zu den Drogen. Sie können psychisch und körperlich abhängig machen. 

Im pharmazeutischen Zusammenhang sind Drogen biologische Stoffe, die für die Herstellung von Arzneimitteln verwendet werden. Meist handelt es sich um Pflanzen, Pilze oder tierische Bestandteile. Cannabis ist also in mehrerlei Hinsicht eine Droge: Pflanzenteile werden verwendet, um daraus Medikamente herzustellen – andererseits besitzt Cannabis beziehungsweise Marihuana psychoaktive Wirkungen. Cannabis war übrigens nicht immer verboten. 

Welche Wirkung im Vordergrund steht und wie stark sie ausfällt, hängt vor allem mit der Cannabissorte und der Dosierung zusammen, also mit der Menge der eingenommenen Substanz und der Wirkstoffkonzentration darin. 

Vielleicht haben Sie schon einmal den Spruch „Die Dosis macht das Gift“ gehört. Er besagt, dass viele Substanzen in geringer Menge nicht gefährlich und häufig sogar nützlich für die Gesundheit sind, in zu hoher Konzentration jedoch schädlich. Diese Beziehung gilt nicht nur für Drogen. Auch Vitamine beispielsweise können in der für den Körper günstigen Menge positive Wirkungen haben, in zu hoher Konzentration aber negative. 

Ein Rausch, der durch eine Droge wie Cannabis hervorgerufen wird, geht gewissermaßen auf eine Überdosierung zurück. Die wirksame Substanz in Cannabis (Marihuana) ist vor allem das THC (Tetrahydrocannabinol). Das THC stört bei hoher Konzentration die Ausschüttung verschiedener Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter), sodass beispielsweise mehr Dopamin freigesetzt wird. Durch die höheren Mengen an Neurotransmittern kann es zu sehr intensiven Reaktionen kommen. Viele Menschen sind unter Cannabiseinfluss kreativer, die Sinneswahrnehmungen verstärken und verändern sich. Auch Halluzinationen – angenehme wie unangenehme – kommen vor. All diese Effekte sind vor allem einer hohen Menge an THC zuzuschreiben. 

Die Cannabispflanze enthält vor allem in den Blüten zahlreiche Wirkstoffe. Dazu zählen als Hauptinhaltsstoffe die rund 100 bisher identifizierten Cannabinoide. Am bekanntesten sind das THC (Tetrahydrocannabinol), das psychoaktiv wirkt, und CBD (Cannabidiol), das keine bewusstseinsverändernden Wirkungen zu haben scheint, dafür aber viele andere. 

Wird Cannabis als Medizin genommen, ist die Zielsetzung eine andere. Die Dosierung soll so niedrig sein, dass die schmerzlindernden, die Übelkeit mindernden und den Appetit steigernden Effekte den Betroffenen das Leben erleichtern, jedoch keine rauschartigen Nebenwirkungen auftreten. Patientinnen und Patienten möchten nicht halluzinieren, sondern ihren Alltag möglichst beschwerdefrei meistern können. Vielen verschreibenden Ärztinnen und Ärzten zufolge, hatten die meisten Menschen, die medizinisches Cannabis einnehmen, daher noch nie einen von ihren Medikamenten verursachten Rausch und streben ihn in der Regel auch nicht an.

Illegales und medizinisches Cannabis unterscheiden sich

Obwohl die Droge und das Medikament beide aus Cannabis hergestellt werden, unterscheiden sie sich deutlich voneinander. Das gilt zum Beispiel für Qualität und Reinheit.

Patientinnen und Patienten müssen exakt dosieren

Patientinnen und Patienten, die Cannabis als Medizin benötigen, sind darauf angewiesen, jeden Tag eine gleichmäßige Wirkung zu erzielen. Mögliche Nebenwirkungen sollen gering bleiben. Voraussetzung dafür ist, dass sich die notwendige Menge genau und möglichst einfach bestimmen lässt. Am besten klappt das mit standardisierten Cannabisölen und Extrakten, die auf eine bestimmte Menge an THC und CBD pro Tropfen eingestellt werden. So wissen Betroffene genau, wie viele Tropfen sie wie oft einnehmen müssen, um ihre Beschwerden bestmöglich in den Griff zu bekommen und dennoch nicht benommen zu sein. Medizinisches Cannabis wird beispielsweise bei Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie, bei Appetitlosigkeit bei HIV/AIDS, bei schmerzhaften Spastiken und chronischen Schmerzen eingesetzt. 

Schwieriger ist das bei der Verwendung von Cannabisblüten. Zunächst muss unter den zahlreichen für die Therapie verfügbaren Sorten diejenige gefunden werden, die die Person am besten verträgt und die bei ihr am besten wirkt. Manche Menschen profitieren am meisten von THC-reichen Sorten. Andere benötigen einen hohen Anteil an CBD und weniger THC bei den gleichen Symptomen. Bei einigen Personen wirken Fertigarzneimittel besser, bei anderen Blüten, die meist nach Verdampfen in einem Vaporisator inhaliert werden oder – seltener – als Tee getrunken werden. 

Abhängig von den Beschwerden soll die Wirkung entweder schnell eintreten, um beispielsweise Schmerzspitzen abzumildern. Manche Patientinnen und Patienten benötigen jedoch eine über längere Zeit konstant anhaltende Wirkung. Selbst wenn die zu verwendende Menge an gemahlenen Cannabisblüten genau abgewogen wird, kann die Mischung von Mal zu Mal leicht unterschiedlich sein. 

Immerhin können die Patientinnen und Patienten sich darauf verlassen, dass die Qualität der Blüten ausgezeichnet ist. Der Anbau findet unter kontrollierten Bedingungen statt und wird streng überwacht. Die Cannabisblüten werden genauestens im Labor analysiert, damit keine Schwankungen im Wirkstoffgehalt auftreten beziehungsweise diese ausgeglichen werden können und minderwertige Pflanzen sich aussortieren lassen. 

Das passende Cannabismedikament und die optimale Dosierung zu finden ist also nicht immer einfach.

Illegales Cannabis: THC-Gehalt unbekannt

Bei illegalem Cannabis für den Freizeitgebrauch sind die genannten Aspekte weniger wichtig. Das Ziel des Konsums ist meist ein anderes. Allerdings drohen hier mehrere Gefahren: Bei illegalem Marihuana ist nicht bekannt, wie genau die Zusammensetzung ist. Dadurch können Konsumierende nicht einschätzen, wie viel THC enthalten ist. Da seit einigen Jahren vermehrt Cannabispflanzen mit einem THC-Gehalt von mehr als 10 und bis 20 Prozent gezüchtet werden, ist eine Überdosierung besonders für Gelegenheitsnutzer sehr leicht möglich. Bei einer ungewohnt hohen Menge an THC drohen schwere Nebenwirkungen bis hin zu starken Halluzinationen und sogar anhaltenden Psychosen. Ob beim Anbau giftige Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurden oder das Cannabis mit Teilen anderer (eventuell giftiger) Pflanzen gestreckt ist, wissen Konsumierende ebenfalls nicht. 

Macht illegales Cannabis abhängiger als Cannabis als Medizin?

Die Dosierung ist also einer der größten Unterschiede zwischen der Nutzung von Cannabis als Freizeitkonsum und als Medizin. Patientinnen und Patienten dosieren so gering wie möglich und so stark wie nötig, während Freizeitkonsumierende bewusst überdosieren. Grundsätzlich kann jeder Konsum einer psychoaktiven Substanz abhängig machen. Auch Cannabis kann in die Abhängigkeit führen. Das Wesen der Psychoaktivität ist es, die Kommunikation der Botenstoffe im Gehirn zu verändern. Die starken Reize auf die Nervenzellen können dazu führen, dass der Drang entsteht, dieses Erleben immer und immer wieder zu erfahren. 

Cannabis kann sowohl körperlich als auch psychisch abhängig machen. Dass beim Absetzen häufig weniger schwere Entzugserscheinungen auftreten als bei anderen Drogen, liegt an der Halbwertszeit im Körper. Die Halbwertszeit beschreibt die Dauer, bis von der ursprünglich eingenommenen Menge noch die Hälfte im Körper vorhanden ist. Verglichen mit anderen Suchtstoffen ist sie bei Cannabis länger. Da Cannabis auch im Fettgewebe eingelagert wird, kann es noch freigesetzt werden, wenn die Einnahme schon einige Zeit her ist. Für Gelegenheitskonsumierende liegt die Halbwertszeit bei etwa ein bis drei Tagen, bei regelmäßig Konsumierenden zwischen fünf und 13 Tagen. Der Entzug verläuft also weniger abrupt. 

Die medizinische Anwendung von Cannabis kann ebenfalls zu einer Abhängigkeit führen, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen. Wie häufig und wie schwerwiegend eine solche Abhängigkeit ist, muss noch weiter untersucht werden. 

Ist Cannabis nun mehr Droge oder mehr Medizin? Es ist beides. Und es hat das Potenzial, die Beschwerden von schwer kranken Menschen zu lindern. Gleichzeitig kann es bei regelmäßigem und zu hoch dosiertem unkontrollierten Konsum zu einer Abhängigkeit führen und weitreichende Folgen für das (Sozial-)Leben haben. Manche Expertinnen und Experten sehen Cannabis aber auch als ein Genussmittel an, das – verantwortungsvoll angewendet – deutlich weniger gefährlich als die legale Droge Alkohol sein kann. 

Literatur und weiterführende Informationen


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