Eine Frau tanzt im Wald

Waldbaden: Wie der Wald zum Therapeuten werden kann

Wer "Waldbaden" hört und sich darunter eine Gruppe in Leinen gekleideter Menschen vorstellt, die tanzend durch den Forst hüpfen, liegt falsch: Denn „Shinrin-Yoku“, die japanische Bezeichnung für Waldbaden, ist nichts anderes, als den Wald mit allen Sinnen zu erleben. Ihn zu riechen, Beeren zu schmecken, Vögel zu hören, Tiere zu sehen und Bäume auch anzufassen. Mal achtsam sein, seiner Intuition zu folgen und die Abwesenheit vom Alltag zu zelebrieren. Und das geht in Jeans, im Kleid oder in Jogginghosen, im nächsten Stadtpark oder richtig weit draußen auf dem Land. In Japan ist Waldbaden schon seit Längerem eine staatlich geförderte Maßnahme zur präventiven Förderung der Gesundheit. Wir wollten mehr über die heilsame Wirkung des Waldes erfahren und haben dazu mit Dr. Qing Li, dem „Vater der Waldmedizin“, gesprochen. Dr. Li, der wirklich alles über Shinrin-Yoku weiß, erklärt uns im Barmer-Interview, wieso natürliche Killerzellen „Killerzellen“ heißen und wie der ideale Therapiewald aussieht. 

Barmer: Die Japanische Gesellschaft für Waldmedizin wurde im Jahr 2007 gegründet. Wie lautet Ihre Bestandsaufnahme nach zwölf Jahren? Was wurde erreicht? Was ist Ihrer Meinung nach noch zu tun?
Ich habe meine Forschung zur Forstmedizin im Jahr 2003 begonnen. Nach 15 Jahren stelle ich fest, dass das Waldbaden eine ganze Reihe positiver Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hat: Es erhöht die Aktivität von natürlichen Killerzellen. Dabei handelt es sich um Immunzellen, die eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Bakterien, Viren und Tumoren spielen, was auf eine mögliche präventive Wirkung auf Krebs hindeutet. Waldbaden reduziert Stress, verbessert den Schlaf, sorgt für Ruhe und Erholung und kann unter anderem eine präventive Wirkung bei Depressionen haben.

Barmer: Wie oft baden Sie im Wald?
Ich bin sehr glücklich darüber, direkt neben einem Park mit einem berühmten Schrein, wo es viele Bäume gibt, zu arbeiten und gehe fast jeden Mittag dort spazieren. Meine Form von „Waldbaden“, die ich mir auch in der Stadt erlauben kann. An den Wochenenden besuche ich die grünen Parks von Tokio und verbringe dort mehrere Stunden. Und jeden Montagnachmittag gehe ich mit meinen Schülern in die wundervollen Parks der Stadt zum Waldbaden. Manchmal besuche ich auch unsere Waldtherapie-Stationen in anderen Gegenden Japans. Man kann also sagen, dass ich wirklich sehr, sehr oft waldbade.

Barmer: „Geh mal öfters an die frische Luft!“: Eine Floskel oder ein tatsächlich wertvoller Ratschlag?
Ja, ja, ja! Geht in den Wald, oder besser gesagt, macht Shinrin-Yoku, schnappt frische Luft und schnappt im gleichen Atemzug eine ganze Menge Glück und Gesundheit.

Barmer: Wie darf man sich diese Killerzellen vorstellen, von denen Waldmediziner wie Sie sprechen?
Das Bild funktioniert gut, wenn wir uns die NK-Zelle, die natürliche Killerzelle, als Polizisten vorstellen und die  Krebszelle wie einen Verbrecher. Natürliche Killerzellen spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Bakterien, Viren und Tumoren. Sie töten Tumorzellen ab, indem sie Antikrebsproteine freisetzen.

Barmer: Wie sind Sie eigentlich „auf den Wald gekommen“?
Ich bin Arzt und mein Hauptfach ist Umweltmedizin. Ich habe die Auswirkungen von Umweltchemikalien, Stress und Lebensstil auf das Immunsystem seit 1988 an der Kagoshima University und der Nippon Medical School untersucht. Ich interessiere mich für die Auswirkungen aller Umweltfaktoren die Auswirkungen des Waldes auf die menschliche Gesundheit. Ich möchte wissen, warum wir uns in den Wäldern so viel besser fühlen. Was diese geheime Kraft der Bäume ist, die uns so viel gesünder und glücklicher macht? Warum fühlen wir uns weniger gestresst und haben mehr Energie, wenn wir einfach nur durch den Wald gehen? Einige Menschen studieren Wälder. Einige Leute studieren Medizin. Ich studiere Forstmedizin, um herauszufinden, wie das bewusste Gehen durch den Wald unser Wohlbefinden verbessern kann.

Barmer: Manche lächeln, wenn sie „Baumumarmen“ hören. Was können Sie diesen Menschen sagen? Welche Energien werden ausgetauscht?
Die "Baumumarmung" ist ein Erlebnis für den menschlichen Tastsinn und ganz essenzieller Teil des Waldbades. Er kann Energien und wohltuende Wirkungen von Bäumen erhalten und uns aktiver, entspannter und gesünder machen. Darüber hinaus können wir den Wald beim Baden mit allen fünf Sinnen genießen.

Barmer: Der Wald wird in Ihrer Lehre als Therapieraum bezeichnet. Wer ist dann Therapeut: Der Wald oder wir selbst?
In Japan haben wir viele Therapeuten, die uns helfen, mehr positive Effekte aus dem Wald zu erzielen. Wenn ich jedoch eine unmissverständliche Antwort geben müsste, dann diese: Ich denke, der beste Therapeut ist der Wald selbst!

Barmer: Wie sieht der ideale Therapiewald aus und wie oft sollte ich waldbaden?
Ganz einfach: Ruhige Atmosphäre, schöne Landschaft, mildes Klima, besonders gute Gerüche und frische, saubere Luft. Wer das Immunsystem stärken möchte, dem empfehle ich eine dreitägige Waldbadefahrt. Die Wirkung dieser Reise auf die Aktivität unserer natürlichen Killerzellen kann bis zu einen Monat lang anhalten. Wer einfach entspannen und Stress abbauen möchte, sollte einen Tagesausflug in einen bewaldeten Park machen – hier kann die positive Wirkung auf unsere Immunität bereits eine Woche lang anhalten.

Barmer: Könnte man einen Therapiewald in künstlicher Form gestalten? Mit 3D-Brille? Oder Augmented Reality?
Da sich ein guter Therapiewald durch die unmittelbare Berührung mit der Natur auszeichnet, ist es sehr schwierig, einen künstlichen Wald zu gestalten. Allerdings können Menschen, die in einer Großstadt leben, teilweise das Waldbaden genießen, indem sie stark begrünte Stadtparks besuchen und ätherische Baumöle als natürliche Duftnoten in ihren Wohnungen verwenden.

Autorin: Sarah Meerhaus

Qualitätssicherung Barmer: Internetredaktion

 

Webcode dieser Seite: s080049 Autor: Barmer Erstellt am: 02.05.2019 Letzte Aktualisierung am: 02.05.2019
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