Winterblues: Gedanken zum Soundtrack der Saison.

Ich könnte jetzt keinen wirklichen Zeitpunkt nennen. Also, nicht einen bestimmten Tag, an dem die Zugvögel nach Süden zogen und die letzten Kugeln Eis zur Hälfte ihres Sommerpreises verkauft wurden. Denn es ist, Jahr für Jahr, ein überraschender Prozess, der sich ganz selbstständig in mein Kurzzeitgedächtnis einnistet und mit jedem ersten blühenden Krokus flügge wird. Ich kann wirklich keinen Zeitpunkt nennen. Aber wenn ich müsste, wenn ich mein Gefühl am Ende dieses nicht enden wollenden Sommers in Worte fassen müsste, dann wären es folgende:

Irgendwann, wahrscheinlich dann, wenn die Festival-Saison offiziell vorbei ist, und auch die Letzten von der Tanzfläche verschwunden sind, übernimmt der Winterblues das Zepter meines Lebensrezepts. Erst ganz leise, während die Akustikgitarren eines heißen Augusts im Folk-Pop-Akkord noch den Ton angeben, und dann immer, immer lauter. Woche um Woche eine weitere Note des klirrenden Blues, der Schnee andeutet, wo zu Weihnachten keiner liegen wird. Ich habe nichts gegen Blues, wirklich nicht. Nichts gegen den sanften Sound aus New Orleans oder den Blues aus der Bar unter meiner Wohnung. Doch der Winterblues, der kommt immer ungefragt, und bleibt, wenn der Barkeeper schon vier Mal über den Tresen gewischt hat. Er legt sich auf meine Gehörknöchelchen und lässt sie zwischen Oktober und Februar unentwegt brummen. Mein Schwung, der mich im Juni noch barfuß zu leichten Balladen tanzen ließ, wird zu einem Walzer über Winterlaub. Und der Winterblues wird zu meinem Soundtrack der Saison.

So in etwa würde ich mein Gefühl definieren. Wobei es auch ganz andere Worte sein könnten. Mit mehr Logik und Verstand, weil es normal ist, dass nach dem September der Oktober folgt. Und nach dem Oktober immer der November. Denn dann, weil ich ja weiß, dass nach dem Sommer immer ein Herbst und dann der Winter folgt, würden sie so klingen:

Dadurch produziert der menschliche Körper weniger Serotonin, ein Botenstoff, der auch als Glückshormon bezeichnet wird. Umgekehrt steigt die Produktion des Schlafhormons Melatonin, was zu den beschriebenen Symptomen wie Müdigkeit oder Antriebslosigkeit führt. Die gute Nachricht ist: Es gibt einen Unterschied zwischen dem melancholisch-süßen Winterblues und einer echten Winterdepression. Ich lese, dass Wissenschaftler von „Seasonal Affective Disorder“ sprechen, wenn die schläfrigen, antriebslosen und gereizten Phasen über mehrere Wochen hinweg den Alltag bestimmen. Die Abkürzung von „Seasonal Affective Disorder“ ist übrigens SAD.

Nicht vergessen: Wer sich beobachtet und eindeutig über einen längeren Zeitraum SAD fühlt, sollte eine Ärztin oder einen Arzt des Vertrauens aufsuchen.

Wie gehe ich damit um, wenn ein Winterblues meinem Lebensrezept die Grundinhaltsstoffe wie Sonne, Wärme und Schwimmbadwasser raubt? Wie verhalte ich mich, wenn Serotonin, das im Sommer mit meinem Adrenalin flirtet, über Monate hinter den Wolken verschwindet? Und dann dieses Wissen, dass jetzt vier, fünf oder sechs Monate folgen, in denen der schmale Grat zwischen erträglichem Winterblues und ernstzunehmender Winterdepression immer ein Balanceakt in Moonboots bleibt.

Was tun, wenn sich der Blues über meinen Beat legt? Ich frage zehn Leute und erhalte zehn Ratschläge gegen die dunkle Stimmung an dunklen Nachmittagen: Geh spazieren! Gönn dir etwas Schokolade! Nimm ein warmes Bad! Versuch’s mit Tageslichtlampen! Kauf dir einen Hund! Lerne den Winter lieben! Das ist keine Depression! Das ist eine Depression! Geh zum Arzt! Du musst dafür nicht zum Arzt gehen! Treib Sport! Friss dir schützenden Winterspeck an! Fahr in den Urlaub! Leg dir ein Symptome-Tagebuch an! Mach’s dir zu Hause gemütlich! Triff Freunde! Nimm dir mehr Zeit für dich!

Moment. Je länger ich mir meinen Winterblues als wahrhaften Soundtrack vorstelle, desto klarer wird meine Mission für dieses Jahr: Ich nehme, zum ersten Mal, den Taktstock in die Hand. Ich zähle den Takt ein und ich definiere den Winterblues nach meinem ganz persönlichen Rhythmus. Vor allem aber, und das wird der größte Kraftakt werden: Ich erlaube mir, mein Gedankenkonzert in den kommenden Monaten öfters beim Liegen im Bett, beim Lesen auf meiner Couch oder in meinem Lieblingscafé mit meinen Freunden abzuspielen.

Ich nehme meinen Blues an die Hand. Gehe mit ihm raus, spazieren, atme eiskalte Luft ein, friere an den Füßen und schaue der noch weiter entfernt scheinenden Wintersonne beim Auf- und Untergehen zu. Denn wo steht geschrieben, dass mir der Winter nicht schmecken darf, nur weil der Sommer ganz klar mein Lebensrezept ist? So mag der Juli zwar mein Hauptgang sein – dieses Jahr jedoch mache ich den Dezember zu meinem Nachtisch.

Textnachweise

  • Autor: Sarah Mehrhaus
  • Qualitätssicherung:  Barmer Internetredaktion
Webcode dieser Seite: s080045 Autor: BarmerLetzte Aktualisierung am: 13.12.2018
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