Junger Mann bim Rollenspiel als Wickinger verkleidet

Überhaupt nicht spießig: Wie Hobbys unseren Alltag auflockern.

„Und täglich grüßt das Murmeltier“. Manche werden sich erinnern, an den Film mit dem Murmeltier, der Anfang der 90er-Jahre den Schauspieler Bill Murray in einer Zeitschleife festhielt und ein und denselben Tag immer wieder erleben ließ. Man muss kein Kind der 80er sein, um sich angesprochen zu fühlen. Denn wir alle, oder zumindest die meistens von uns, kennen das: Von Montag bis Freitag klingelt der Wecker, im Schlaf gehen wir alle Schritte vom Zähneputzen bis zum Abschließen der Türe durch, sitzen in der U-Bahn oder im Auto, um dann wieder irgendwo zu sitzen, zu arbeiten, zu lernen oder Erledigungen zu machen.

Kitzelt es in den Fingerspitzen? Möchte man beim Lesen kurz fest durch die Nase pusten? Dann empfinden wir alle jetzt, die Lesenden und die Schreibende, ein akutes Gefühl von Alltag. Manche nennen ihn Routine, andere nennen ihn spöttisch Trott oder Muster. Doch gemeint ist immer das Gleiche: Der Zustand, indem Montag auch Mittwoch sein könnte. Wenn Freitag immer vier Tage zu weit entfernt liegt und das Wochenende immer zwei Tage zu kurz ist. Wenn man abends ins Auto steigt und zu Hause nicht mehr weiß, wie man wirklich angekommen ist.

Ist Alltag Leben auf Autopilot?

In diesem Szenario müssten wir unseren Alltag eigentlich als entspannend empfinden. Wir lehnen uns gedanklich zurück und lassen gelernte Bewegungen uns von A nach B bringen. Aber wie lange hält ein Mensch mit Hirn und Herz diesen Zustand aus, ohne irgendwann unzufrieden aufzuwachen und sich zu fragen: Wann nehme ich wieder das Steuer in die Hand? Und hier scheiden sich die Geister. Denn manchen bietet der Alltag ein willkommenes und nötiges Gerüst an Halt und Aufgabe. Andere wiederum empfinden jenes Gerüst als goldenen Käfig.

Wie lautet die Ausstiegsformel aus dem Dreisatz Versorgen, Verdienen und Verwirklichen? Bevor wir uns jetzt die Köpfe zerbrechen und vorrechnen, wie viel ein Sabbatical auf Bali kostet, sollten wir uns Freizeitfans widmen. Denn sie haben eine ganz einfache Lösung: Hobbys. Ihr habt richtig gelesen, die guten alten Hobbys. Von Töpfern, Modelleisenbahn, Filzen über Meditation, Ballett und Indoor-Klettern. Wer jetzt die Nase rümpft und sich fragt, ob man mit 16, 25 oder 35 schon ein Hobby haben sollte, der ist nicht alleine. Denn Hobbys leiden oftmals unter einem ähnlich schlechten Ruf wie der Alltag. Denn Hobby, das klingt nach Kleingarten, nach 9 to 5 und nach Mittagsruhe. Stimmt’s?

Würde sich die Assoziationskette vielleicht ändern, wenn wir Hobbys „Alltagsurlaub“ nennen würden? Oder Strukturparty? Muster-Ferien? Wenn eine moderne Besetzung des alten Narrativs helfen würde, um Menschen mehr bewusst genutzte Freizeit näherzubringen – wieso nicht? Denn das gute alte Hobby ist eine verdammt effektive, günstige und hilfreiche Art, den Alltag anzuhalten.

„Moment!“, sagen jetzt die Alltagsgeplagten. „Wir gehen zur Schule, machen eine Ausbildung, haben Uni, Beruf und Kinder, eine Beziehung, verfolgen Selbstverwirklichung und Karriere. Unser Alltag ist ein Sammelsurium aus sollen und wollen – wer hat da noch Zeit für Hobbys? Früher war alles anders. Weniger Arbeit, mehr Familie. Weniger Internet, mehr Stunden ohne Beschäftigung. Weniger Globalisierung, mehr Hier und Jetzt.“

Das sind durchaus berechtigte Einwände, denn ständige Erreichbarkeit, blinkende Handys und die Verschmelzung von Arbeits- und Berufsleben sind keine ideale Basis für mehr Zeit für Freizeit. Aber Hobbys haben, neben den vielen kleinen, einen großen Vorteil: Sie nötigen uns dazu, etwas mehr Laissez-faire in unserem Alltag zuzulassen. Hobbys lassen uns auftanken. Denn sobald wir Dinge aus reinem Spaß an der Freude machen, dann sind wir ausgeglichener und entspannt. Der ideale Nährboden für emotionale und körperliche Gesundheit.

Das Schöne dabei ist, dass es dem Hobby egal ist, für welches Hobby du dich entscheidest. Ob du zweimal pro Woche die Hände bis zu den Ellenbogen in matschigem Ton tauchst, dein Körper beim Bouldern in Seile gespannt ist oder du mittwochabends eine Stunde in einer Gruppe neu gewonnener Freunde meditierst – schau dich um, tauch ein und such dir ein Hobby, das zu dir passt. Ganz Wagemutige würden sogar etwas beginnen, was überhaupt nicht zu ihnen passt. Ungeduldige beim Stricken, Aktive beim Flower-Workshop und Sportmuffel beim Kanufahren. Für Hobbys gilt: Alles geht, nichts muss.

Was jedoch feststeht, ist, dass unser Alltag automatisch weniger Zumutung ist, wenn wir Raum zum Abtauchen zulassen.

Textnachweise

  • Autor: Sarah Mehrhaus
  • Qualitätssicherung:  Barmer Internetredaktion
Webcode dieser Seite: s080046 Autor: BarmerLetzte Aktualisierung am: 13.12.2018
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