Junges Paar sitzt zusammen auf einem Sessel

Wir alle sind Beziehungsmenschen.

Googelt man die Frage „Wie viele Arten von Beziehungen gibt es?“, erhält man auf der deutschsprachigen Seite etwa 11.600.000 Ergebnisse. Eine ganze Menge. Was bedeutet, dass sich bereits viele Menschen über diese Frage den Kopf zerbrachen und versuchten, Antworten zu geben. Doch die wirklich interessante Feststellung ist, dass in den ersten Ergebnisseiten ausschließlich von der klassischen Paarbeziehung gesprochen wird. Die Liebesbeziehung. Wer hier jedoch auf die eine Antwort hofft, der wird enttäuscht: Die Anzahl der untersuchten und ausgemachten Arten von Beziehungen liegt irgendwo zwischen vier und 25. Darunter das „Nähe-Distanz-Paar“, das „Hassliebe-Paar“ und „Beziehungen, die voranbringen“. Fotos verliebter Pärchen, vorwiegend attraktive Frauen und Männer, geben den Eindruck, dass es sich bei einer Beziehung ausschließlich um den Zustand zwischen sich intensiv, leidenschaftlich, abhängig und erotisch liebenden Menschen handelt.

Genau hier liegt das Dilemma. Was assoziieren wir eigentlich mit dem Begriff „Beziehung“? Und vor allem: Was verbindest du damit?

Denkst du jetzt gerade an den rosafarbenen Elefanten im Raum, an den du nicht denken sollst? Damit bist du sicher nicht allein. Denn wir alle, oder zumindest viele von uns, vergessen im alltäglichen Rhythmus, wie vielen Beziehungen wir andauernd ausgesetzt sind. Gewollte und ungewollte Beziehungen, die Nase an Nase in der U-Bahn beginnen, sich im Büro oder Schule weiterführen und im Schlafzimmer enden. Und das sind nur drei Beispiele aus Hunderten. Erst einmal sind wir Menschen. Aber dann? Wir sind Kinder, Brüder, Schwestern, Mütter, Freundinnen, Kolleginnen, Kumpel, Lehrer, Studenten und Ehepaare. Manchmal geben wir Liebe, erhalten Respekt, sind streng, emphatisch, nachgiebig und gehorsam. Andere Male müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen, um dann, in einer völlig anderen Situation, sexy und sorgenfrei zu sein. Und all diese unterschiedlichen Konstellationen haben immer einen gemeinsamen Nenner: die Beziehung.

Wo sind wir, als du und ich, in diesen Verflechtungen? Sind wir uns unseren vielen Beziehungen überhaupt bewusst? Wir leben in einer Welt, die sich schneller wandelt, als wir „Bitcoin“ sagen können und schießen heute mehr Selfies als Ehen geschlossen werden. Einige Forscher rufen: „Die Monogamie ist tot!“, während wenige antworten: „Es lebe die Liebe zwischen zwei Menschen!“. Die Globalisierung und die Grenzenlosigkeit unserer Möglichkeiten setzen uns immer weiteren Beziehungen aus – beim Reisen, beim Videomeeting über drei Kontinente hinweg und durch unsere Profile auf Sozialen Medien. „Patchwork“ und „Polyamorie“  - das sind Worte, die erst in den letzten Jahren unser Vokabular aufgestockt haben.

Doch wo bleibt unser wahres Ich inmitten all dieser Beziehungen? Wie bewahren wir unsere Identität, während wir im Alltag mit Herzen, Meinungen und Ansprüchen jonglieren und Gewichte aus Egos heben?

Diese Frage lässt sich mit einem Wort beantworten: Selbstliebe. Die wichtigste und intensivste Beziehung, die wir in unserem Leben führen werden. Selbstliebe, nicht zu verwechseln mit dem Kunstwort „Selbstverliebtheit“, hat absolut nichts mit Arroganz und Ignoranz zu tun. Selbstliebe, Emotionen, die von uns für uns bestimmt sind, sind extrem wichtig für jede Art von Beziehung, die wir führen und führen werden. Wieso? Ganz einfach: Weil sie die Basis dessen bestimmt, wie viel wir geben und nehmen können, was uns traurig und glücklich macht und was wir im Leben erreichen möchten.

Wie lieben wir uns selbst? Nun ja, erst mal sollten wir verstehen, dass es für Selbstliebe keinen Crashkurs gibt. Selbstliebe ist ein anhaltender Prozess, der von vielen Hochs und Tiefs bestimmt ist. Wir alle kennen Selbstzweifel, mangelndes Selbstbewusstsein, Energieschübe und Tage, an denen wir die Welt und unser Leben umarmen möchten. Wenn wir am liebsten Bäume ausreißen würden und die einzige Person, die wir um uns haben möchten, man selbst ist. Wenn man jedoch die Essenz des Selbstliebe-Trainings in einem Satz zusammenfassen müsste, wäre es dieser: „Hör auf dein Herz.“

Ja, er wirkt abgedroschen und findet sich auf vielen Motivationspostkarten wieder. Doch leider (oder glücklicherweise) ist es so, dass mit diesen vier Worten alles gesagt ist, was wir für den Umgang mit all unseren Beziehungen wissen müssen. Wenn wir wissen, wo unsere Vorlieben und Schmerzgrenzen liegen und unsere Sehnsüchte verborgen sind, kann es uns leichter fallen, zwischen unseren jeweiligen Beziehungen hin und her zu switchen und in verschiedensten Lebenslagen unsere Frau, bzw. unseren Mann zu stehen. Jede beansprucht unsere Zeit und hat ihre eigenen Spielregeln. Partnerinnen und Partnern sollen wir Raum geben, Kindern Flügeln wachsen lassen und Freunden ehrlich die Meinung sagen. In unseren bereits ausgebuchten Leben sind wir größtenteils damit beschäftigt, auf unsere Bezugsmenschen einzugehen.

Die Zeit jedoch, seine Identität selbst lieben, schätzen und kennenzulernen, sollten wir immer aufbringen.

Textnachweise

  • Autor: Sarah Mehrhaus
  • Qualitätssicherung:  Barmer Internetredaktion
Webcode dieser Seite: s080048 Autor: BarmerLetzte Aktualisierung am: 13.12.2018
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