Junge Frau lächelt in Kamera

Abgebogen: Selbstbestimmung und Freiheit statt Agentur-Stress

Lara Keuthen hatte nach ihrem Studium der Kunstgeschichte und Kulturanthropologie mit gerade Mal Mitte 20 eine beachtliche Karriere in einer Kommunikationsagentur hinter sich und hätte sicherlich noch ein paar Stufen auf der Karriereleiter genommen. Nur: Sie wollte gar nicht! Weil sie irgendwann merkte, dass es um mehr im Leben geht, als Konsum und eine 40-Stundenwoche im Büro. Statt stressigem Agentur-Alltag mit Deadline-Druck heißt ihr Lebensrezept jetzt: freie, eigene Entscheidungen treffen – nicht nur im Beruf, sondern auch privat!

Seit Februar 2017 ist sie als selbständige Texterin und PR-Beraterin unabhängig von großen Unternehmen und sucht sich selber aus, für wen sie ihre Arbeitsstunden einsetzen möchte. Ein Herzensprojekt ist für Lara vor allem die neue Aufgabe als Redaktionsleiterin des eco-friendly Peppermynta Mag. Hier kann sie sich Themen widmen, die ihrem eigenen Lebensrezept entsprechen und für die sie sich auch privat einsetzt: Body Positivity, Feminismus und Nachhaltigkeit liegen ihr ebenso am Herzen wie Spiritualität, Yoga und eine holistische Lebensweise.

Wo trifft man die 28-Jährige am besten? Natürlich erst mal draußen, im Grünen, wo sie sich am wohlsten fühlt. Und dann im multikulturellen Hamburger Schanzenviertel, wo es ganz nach ihren Interessen in das Zero-Waste-Café „In guter Gesellschaft“ geht. Bei einer Apfelschorle und einem Stück Mohn-Käsekuchen erzählt sie (mit leuchtenden Augen!), wie sich ihr neues Leben so anfühlt.

Lara, erzähl' doch erstmal ein bisschen was von deinem „alten“ Leben.

Ich kam mit 22 Jahren direkt von der Uni und stieg in Darmstadt als Junior bei einer Kommunikationsagentur ein. Damals war mir sehr wichtig, sofort nach dem Studium zu arbeiten und „unterzukommen“, um bloß keine Lücke im Lebenslauf klaffen zu haben. Nach drei Jahren dort zog ich nach Hamburg, um beim zweiten Standort hier in Hamburg zu arbeiten. Ich war erst Standortleiterin, wurde dann Etat-Direktorin und leitete ein Team.

Das klingt nach viel Verantwortung – aber auch einem tollen Job, zumal du ja noch sehr jung warst.

Einerseits schon. Aber ich war irgendwann nur noch damit beschäftigt, Zahlen hin- und herzuschieben in ewigen Excel-Tabellen. Da war ich 26 und hatte bereits das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken. In einer Führungsposition macht man oft keine kreativen Sachen mehr, sondern ist nur noch mit Organisation oder Kommunikation mit dem Kunden beschäftigt. Dann fühlt man sich ehrlich gesagt auch nicht mehr so richtig jung.

Hinzu kommt ja: Je höher man aufsteigt, desto mehr fühlt man sich in der Verantwortung. Hattest du das Gefühl, es ist beispielsweise nicht okay, wenn man mal krank ist oder länger als eine Woche Urlaub haben möchte?

Absolut. Da ich aber in keiner von diesen großen, berüchtigten Werbeagenturen angestellt war, wo man sich nachts noch mal 'ne Pizza bestellt, weil man noch zu fünft an einer Präsentation sitzt, die morgens fertig sein muss, hatte ich immerhin halbwegs humane Arbeitszeiten. Okay, ab und zu arbeitete ich an den Wochenenden oder telefonierte abends nach 22 Uhr mit meiner Chefin. Und wenn ein Pitch anstand, flog man halt um 5 Uhr morgens hin und kam erst nachts zurück. Die circa acht Millionen Überstunden konnte ich auch nie abbummeln. Das findet man aber normal, da es auch von einem erwartet wird. Tja und irgendwann fragte ich mich, was denn eigentliche diese Work-Life-Balance ist, von der alle sprechen (lacht).

Was war der stärkste Auslöser für deine Unzufriedenheit?

Ach, ich hatte keine Lust mehr auf das Agenturleben, für große Kunden zu arbeiten und immer weniger von mir selbst einbringen zu können. Ich sperrte mich innerlich förmlich dagegen weiter Karriere zu machen und sah zum Beispiel keinen Sinn mehr darin, 20.000 Euro für ein Advertorial auszugeben, das andere Menschen wiederum zum Konsum anstiftet. Ich wollte mehr Sinnhaftes machen und mit Menschen zu tun haben.

Heute bin ich mir sicher: Wenn ich das so weiter gemacht hätte, hätte ich sicher ein Burnout bekommen.

Du hast dann im Februar letzten Jahres beschlossen den Stecker zu ziehen und dich selbständig zu machen. Was genau war der Auslöser abzubiegen und ein neuen Weg einzuschlagen?

Ich würde das als ein langgezogenes Schlüsselerlebnis beschreiben. Ich lebte damals in einer WG mit drei Freund*innen, die alle selbstständig waren. Eine von ihnen vertrieb Apfelschorle, eine andere gab Schulungen für Lehrer in Programmiersprache, um sie Kindern beibringen zu können und unser Mitbewohner hatte eine Videoagentur und arbeitete ausschließlich für nachhaltige oder soziale Projekte.

Das Leben als Freelancer war irgendwie immer Thema und ich bekam mit, wie sich die Menschen in meinem Umfeld sehr positiv veränderten, weil sie nicht mehr für jemand anderes schufteten, sondern ihren Leidenschaften und Werten folgten. Ich merkte immer mehr, dass ich mich mit sinnhaften Themen beschäftigen wollte. Und zwar nicht nur in meiner Freizeit, sondern komplett.

Die Themen, die dir heute am Herzen liegen, sind Nachhaltigkeit und Umweltaktivismus, Bodypositivity, „Sisterhood“, also Feminismus und Alltagsspiritualität. Wie genau lebst du sie?

Ich räucher mich jetzt nicht den ganzen Tag mit Salbei ab (schmunzelt). Ich versuche mir selbst nah zu sein. Das fiel mir früher schwer. Mit dem Abbiegen auf einen neuen Weg, gerade beruflich, bin ich auch im privaten ausgeglichener.

Was die Spiritualität angeht, mache ich 20 Minuten Yoga am Tag und meditiere, oft schreibe ich auch morgens auf, wie ich mich am Tag fühlen möchte. Ich habe mir angewöhnt, Frauen Komplimente zu machen, auch wenn ich sie nicht kenne. Ich sage dann „Du strahlst so“ und nicht „Du hast ja ein tolles Kleid an“. Frauen neigen oft dazu, sich auf das Äußere zu reduzieren – das will ich vermeiden.

Ich selbst habe gemerkt, wenn ich mich schön fühle und zufrieden bin, dann brauche ich selbst auch weniger, ich konsumiere weniger und bin nicht damit beschäftigt, die ganze Zeit über meine Außenwirkung nachzudenken. Ich schminke mich selbst heute auch fast gar nicht mehr, früher wäre ich ohne Make-up erst gar nicht aus dem Haus gegangen – das fand ich ganz schrecklich und habe mir selbst die Aufgabe gestellt, mich ohne Make-up frei und selbstbewusst zu bewegen. Heute brauche ich diese Maske gar nicht mehr.

Gab es einen bestimmten Punkt, an dem du zu diesem neuen Lebensrezept gefunden hast?

Es gab eine Zeit, da habe ich sechs Mal die Woche Leistungssport gemacht und mein Glück nur im Außen gesucht. In meinem Aussehen, in Materiellem, in Beziehungen. Dann kam ich zu Yoga, weil mein Körper einfach müde war und ich Abwechslung brauchte. Yoga war für mich die Türöffnerin für meinen spirituellen Weg.

Man hat ja tausend Gedanken und Szenarien im Kopf, bevor man wirklich kündigt. Was waren deine größten Ängste?

Ganz klar das liebe Geld. Aber ich fürchtete nicht, dass ich keine Aufträge kriegen würde und deshalb nichts verdienen würde, sondern eher dass ich krank werde und deshalb eine zeitlang aussetzen müsste und dann ohne Geld dastehe. Das ist ja als Freelancer immer eine Sorge, die mitschwingt. Aber ich dachte mir, dass es immer noch besser ist, dieses Risiko im Nacken zu haben und die Ängste auszuhalten, als in einem Job zu bleiben, der mich auf Dauer krank macht.

Gab es auch Menschen in deinem Umfeld, die dir davon abrieten, zu kündigen?

Nicht wirklich. Klar, ein paar Kommilitonen von früher dachten, ich bin nicht ganz bei Trost, aber ich bin in einer sehr offenen und freigeistigen Familie groß geworden und wusste, was ich tue. Mein Vater, der leider starb, als ich 17 war, war Künstler und hat mir schon immer gezeigt, wie wichtig ein freier Wille ist, und auch meine Mutter ermutigt mich bis heute in meinen eigenen Entscheidungen. Von daher war die Einzige, die mir hätte im Weg stehen können, ich selbst.

Eine junge Frau schaut sich eine Pflanze genauer an.

Was gab dir in deiner Entscheidung die nötige Sicherheit?

Da war zum einen mein Freund. Er hat mich so oft motiviert und mir zugehört, meinen Ängsten Raum gegeben und Verständnis gezeigt – er selbst ist auch Freelancer, schon länger als ich, und hat mich immer mit seiner Erfahrung und Unterstützung beruhigen können. Und es war gut zu wissen, dass er mir jederzeit 50 Euro leihen würde (schmunzelt). Zum anderen wusste ich, dass ich jederzeit in meinen alten Job zurück gehen könnte – das kann ich mir heute zwar nicht mehr vorstellen, aber es ist gut, wenn man da noch eine alte Anlaufstelle hat. Man weiß ja nie, wie es wirklich läuft, wenn man diesen Schritt geht.

Gab es einen Moment, in dem du deine Entscheidung bereut hast und alles hinschmeißen wolltest?

Nein, den gab es nicht ein einziges Mal. Zweifel, ja die gab es natürlich – diese typischen Ängste aus einem Sicherheitsdenken heraus: Vielleicht doch lieber ein Teilzeitjob? Ich vermisse heute schon manchmal die Routine und den monatlichen Paycheck. Aber bisher läuft es einfach super. Und, was für mich noch viel kostbarer ist: Ich kann über meine Zeit verfügen und habe allein im letzten Jahr seit meiner Kündigung so viel über Selbstwert und Selbstverwirklichung gelernt, wie in den ganzen sechs Jahren zuvor nicht.

Und was ist für dich das Beste am freien Arbeiten?

Kreativ zu sein und flexibler arbeiten zu können. Ich bin zum Beispiel überhaupt kein Morgenmensch. Vor zehn oder besser elf Uhr ist Arbeiten für mich die reinste Qual. Außerdem, dass ich mich für Themen einsetze, die mich wirklich interessieren und die ich für wertvoll erachte. Beim Peppermynta Mag haben wir zwar auch Kunden und finanzieren uns über Kooperationen und haben mit Abgaben zu tun – allerdings immer mit nachhaltigen Unternehmen, was sich toll anfühlt!

Insgesamt ist das ein ganz anderes Gefälle, als bei einer riesigen Agentur, wo man ab neun Uhr morgens den ganzen Tag damit beschäftigt ist zu „delivern“ und zu präsentieren. Heute herrscht für mich weniger Druck.

Was war denn der erste so richtig tolle Moment mit deinem neuen Lebensrezept?

Ganz klar: Als ich zum ersten Mal im Sommer an einem Mittwochvormittag auf dem Rad in der Stadt unterwegs war und mich total frei fühlte. Ich feierte mich da selbst so richtig ab und dachte: Wow, was für ein Geschenk! Alle sitzen gerade in ihrem Büro und ich kann mir den Wind um die Nase wehen lassen und genießen, dass ich draußen bin. Schön war auch, als ich meine frisch gedruckten Visitenkarten in der Hand hielt.

Und wie genau bringst du das innere Kind wieder zum Lachen, wenn es quengelt?

Ich habe gelernt, dass man nach Hilfe fragen kann. Sich sein Netzwerk aufbauen kann – ich habe ja früher auch im Team gearbeitet, warum nicht auch heute? Ich arbeite zum Beispiel gerade mit einem Freund von mir zusammen, der Fotograf ist. Und im Gegenzug schreibe ich die Texte für seinen Instagram-Account, weil das überhaupt nicht sein Ding ist. Ich stehe total auf diesen „Tauschhandel“.

Du hast nicht nur im Job beschlossen ein neues Lebensrezept zu starten, sondern auch privat. Gerade auf deinem Instagram-Profil fällt auf, dass du im Gegensatz zu anderen Influencern sehr glaubwürdig und authentisch bist. Wie funktioniert das überhaupt im Social Media?

Ich würde schon sagen, dass man das selbst bestimmen kann, wie sehr man da bei sich bleibt und „echt“ ist. Früher war ich selbst auch sehr von außen gesteuert. Ich machte jeden Tag Sport und mir war total wichtig, wie ich aussehe, was ich anziehe, wie ich auf andere wirke. Aber mit der Selbständigkeit geht natürlich einher, dass man sich mehr mit sich selbst beschäftigt und seinen Schatten entgegentritt. Heute ist mir die innere Einstellung viel wichtiger. Wenn die stimmt, fühle ich mich automatisch schön.

Am Ende des Tages ist das Außen so unwichtig. Was habe ich davon, wenn ich fünf Kilo weniger wiege, aber dafür keinen Tag mehr Spaß habe? Das genau ist meine Message, und wenn ich die lebe, kann ich sie auch authentisch über Social Media wie Instagram mitteilen und vielleicht letztlich andere damit inspirieren.

Willst Du uns zum Schluss noch dein persönliches Fazit zu deinem „neuen“ Lebensrezept geben?

Ich würde es mit keinem tauschen wollen! Auch wenn ich auf jeden Fall sagen würde, dass ich mehr arbeite als früher. Aber ich mache dafür viel mehr das, was ich wirklich will. Wenn ich wie damals auf dem Rad einen Mittwoch in der Sonne verbringe oder am Badesee, habe ich kein Problem damit, am Wochenende ein paar Stunden zu arbeiten. Und diese Mischung aus Selbstbestimmtheit und Spontaneität sind für mich der größte Luxus.

Textnachweise

  • Autorin: Franziska Simon
  • Qualitätssicherung BARMER: Internetredaktion
Webcode dieser Seite: s080017 Autor: Barmer Erstellt am: 28.06.2018 Letzte Aktualisierung am: 28.06.2018
Nach oben