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Wincent: Perfekte Board-Balance

Wincent, der 19-jährige Karlsruher lebt seit einiger Zeit in Berlin und geht hier seiner Leidenschaft für das Skaten und für die Musikproduktion nach. Das, was er gerne hört und selbst macht, nennt er „ehrliche Musik“– dabei mixt er Hip-Hop und Rap mit Jazz. Bei Rap setzt er auf die „alte Schule“, da er auf Texte mit echter Botschaft steht. Hat er beim Produzieren einen Hänger, schnappt er sich sein Board, um auf neue Gedanken zu kommen. Für unser Lebensrezepte-Interview treffen wir Wincent in Kreuzberg – er kommt auf seinem Board.

Barmer: Du bist 19 und schon vom beschaulichen Karlsruhe in unsere verrückte Hauptstadt Berlin gezogen. Wieso?

Porträt von Wincent

WINCENT: Unter anderem, weil ich in Berlin mehr Möglichkeiten für meine Leidenschaften habe. Weil die Stadt offener ist und nicht so überschaubar wie Karlsruhe, wo sich alle in der Szene irgendwie kennen und ich nach einer gewissen Zeit das Gefühl hatte, alles schon gesehen zu haben. In Berlin kann ich mich und die Musik immer wieder neu entdecken.

Barmer: Wincent, was macht dein Lebensrezept aus Musik und Skaten für dich so lebenswert?

WINCENT: Ich glaube, dass es mir die ideale Balance gibt. Im wahrsten Sinne des Wortes, wenn ich ans Skaten denke. Auf dem Brett konzentriere ich mich unterbewusst die ganze Zeit und habe eine Körperspannung, die mich nicht nur gesund fühlen lässt, sondern tatsächlich auch für eine gute Haltung sorgt. Zudem beinhalten beide Zutaten dieses Rezepts Kreativität, das finde ich super. Beim Skaten kann ich neue Tricks erfinden, beim Mixen neue Tunes. Während ich mir auf dem Brett den Kopf frei fahre und oft schwitzend nach Hause komme, staut sich bei der Musikproduktion ziemlich viel in meinem Kopf an, das ich dann in meinen Tracks wiederfinde. Die überschüssige Energie wiederum landet dann auf der Straße. Ein Kreislauf, der beide Disziplinen in gleichem Maße für mich lebenswert macht.

Barmer: Was geben dir Hip-Hop und Rap, das dir andere Musikrichtungen nicht geben?

WINCENT: Hmmm … zuallererst Geschichten. Die Storys hinter der Musik schätze ich sehr an Hip-Hop und Rap. Ich finde es toll, wenn Musiker darüber sprechen, was sie bewegt. Deshalb mag ich Oldschool Hip-Hop und generell ältere Tracks sehr, da sie sehr tiefgründig sind. Also: Weniger Goldkette und dicke Autos, sondern eher Drogenprobleme in der Jugend und die Message an ihre Fans, dass man diese Phasen auch überwinden kann. Das wiederum inspiriert mich dazu, in meinen Texten bei Poetry Slams über meine persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Gerade in einer Stadt wie Berlin erlebt man teilweise krasse, einschneidende Dinge.

Barmer: Wo findest du Inspiration für deine Musikproduktionen?

WINCENT: Hauptsächlich im Plattenladen. So richtig Oldschool und zum Anfassen. Ich mag es, meine Musik in der Hand zu haben und finde, dass es Teil des Entstehungsprozesses ist. Schuhe anziehen, rausgehen und stundenlang stöbern, um die eine Platte zu finden. Ich benutze selten digitale Medien, um Musik zu hören oder zu produzieren. Zu meinem Lebensrezept gehört definitiv dazu, meine Musik auch zu sammeln und sie … im Regal zu sehen. Das gibt mir Sicherheit, weil ich immer drauf zurückgreifen kann. (Nach diesem Satz grinst Wincent etwas verlegen)

Barmer: Du bezeichnest Hip-Hop und Rap als „ehrliche Musik“. Was unterscheidet in deinen Ohren denn ehrliche von unehrlicher Musik?

WINCENT: Zuallererst muss ich klarstellen, dass es auch im Hip-Hop und Rap unehrliche Musik gibt. Da kommt es für mich noch mal auf die einzelnen Genres an. „Trap" ist für mich eher oberflächlich und daher irgendwie unehrlich oder synthetisch. Wenn Hip-Hopper zum Beispiel von einem Lebensstil rappen, den sie selbst gar nicht leben, dann finde ich das unehrlich. Ich möchte mich mit Musik und Musikern identifizieren können und fände es wichtig, wenn jungen Menschen kein oberflächlicher Lifestyle vorgelebt würde.

Barmer: Also eher Musik mit einer Botschaft, an der man sich ein Beispiel nehmen kann?

WINCENT: Irgendwie schon. Ich mache unter anderem Musik, weil ich mir dabei auch Dinge von der Seele schreiben möchte. Dabei versuche ich auch, Botschaften zu vermitteln, die andere Leute weiterbringen und nicht runterziehen. Ob es da über Natur, Liebeskummer oder den Alltag geht, spielt keine Rolle. Hauptsache ist, dass Seele mit im Spiel ist.

Barmer: In deinem Lebensrezept vereinst du mit der Musik etwas Kopflastiges und mit deiner Liebe zum Skaten volle Körperarbeit. Brauchst du beides, um dich gesund und glücklich zu fühlen?

WINCENT: Auf jeden Fall. Das ist für mich die perfekte Mischung. Manchmal, wenn ich an einem Beat arbeite und nicht weiterkomme, was echt oft passiert, gleiche ich die Blockade mit Bewegung aus. Dann klappe ich den Laptop zu, hole mein Brett und power mich für zwei Stunden richtig aus. Das klassische Kopf-Freimachen. Andersrum brauche ich die Ruhe und die Konzentration in meinen vier Wänden, wenn mein Körper sich vom Skaten erholen muss.

Barmer: Würdest du sagen, dass dein Lebensrezept eher deinen Alltag bestimmt, oder brauchst du es, um aus dem Alltag raus und in richtig gute Freizeitstimmung zu kommen?

WINCENT: Eher Letzteres. Natürlich gehört beides zu meinem täglichen Leben und beides bestimmt meinen Alltag, aber ich unterscheide schon zwischen Schule und Arbeit und meiner Leidenschaft für Skaten und Musikmachen. Und dadurch, dass mir mein normaler Alltag aus Verpflichtungen nicht das gibt, was mir mein Lebensrezept gibt, würde ich sagen: Freizeit. Einfach ich sein, ohne Druck, ohne Noten, ohne Termine. Einfach alles, worauf ich Bock habe.

Barmer: Mal ganz ehrlich: Wie viele Knochen hast du dir beim Skaten schon gebrochen?

WINCENT: (lacht laut) Oh ja, schon einiges und ich saß gefühlt schon hunderte Stunden bei irgendwelchen Ärzten deswegen. Daher glaube ich auch, dass unser Gesundheitssystem echt ausschlaggebend für meinen Mut auf dem Skateboard ist. Wenn ich wüsste, dass mich die Behandlung eines Knochenbruchs viel Geld kosten würde, wäre ich nicht so waghalsig.

Barmer: Stehst du also noch mit 60 auf dem Brett?

WINCENT: Ha! Auf jeden Fall! Sofern ich mir vorher nicht das Genick breche (grinst).

Barmer: Du hast uns dein Lebensrezept echt gut nähergebracht, Wincent. Jetzt wäre es cool, wenn du uns diesen Satz vervollständigst: Ein Leben ohne Musik ist wie …

WINCENT: (wie aus der Pistole geschossen) ...Tristesse. Ein Leben ohne Musik wäre für mich trist und echt, echt uncool. Ohne Musik geht es für mich nicht. Und wenn ich aus irgendwelchen Gründen keine Musik machen kann, dann suche ich nach Inspiration. 

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Wenn ihr neugierig seid, wie sich Wincents Musik anhört, könnt ihr ihn auf Instagram und SoundCloud unter dem Namen „The Funkologist“ finden.

 

Autorin: Sarah Meerhaus

Qualitätssicherung Barmer: Internetredaktion


 

Webcode dieser Seite: s080028 Autor: BarmerLetzte Aktualisierung am: 22.11.2018
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