Barmer XXL Wandillustration Buch

Mary: Mut zur Fantasie

Wir erreichen Mary an einem der ersten kühleren Sommerabende am Telefon, um uns mit ihr über ihr Lebensrezept „Schreiben“ zu unterhalten. Und ihre Stimme klingt genau so, wie man es von der elfenhaften Bloggerin und Schriftstellerin erwarten würde: Weich und überlegt, ein sympathischer Flüsterton, der jedes Wort besonders klingen lässt. Mary ist 22 Jahre alt und studiert Kommunikation. Parallel dazu bloggt sie und schreibt aktuell an ihrem ersten Roman aus dem Genre „Fantasy Jugendliteratur“. Sie wuchs bei ihren liebevollen Großeltern auf und beschreibt diese Zeit als eine, die sie „mit warmer Milch in der Hand und Ideen im Kopf“ verbrachte. Auf ihrem Blog, der wie ein Tagebuch geschrieben ist, schreibt Mary zudem ganz offen über Depressionen und Ängste, die sie bereits seit ihrer Kindheit begleiten. Über diesen Mut, ihre wunderbar-verwunschenen Geschichten und ihr Lebensrezept aus „heilenden Worten“ möchten wir mit ihr sprechen.

Barmer: Zu allererst: herzlichen Glückwunsch zum Buchvertrag. Wovon handelt dein erstes Werk?

Porträt von Mary

MARY: Vielen Dank, ich bin auch sehr glücklich darüber und kann es manchmal gar nicht fassen! Ich schreibe einen Fantasyroman, der in einer dunklen Parallelwelt in England spielt. Die Protagonistin wird von einer jungen Frau verkörpert, die in ihrem Leben viele Menschen verloren hat und deshalb eine Wunde aus der Vergangenheit in sich trägt. Aufgrund dieser Wunde kapselt sie sich von ihren Freunden ab und verliert sich in der Isolation. Doch in einer Welt voller Magie muss sie sich ihren eigenen Ängsten stellen – was dann passiert, verrate ich jetzt noch nicht . Es klingt vielleicht nicht so, aber die Geschichte trägt viel Positives und ganz viel menschliche Stärke in sich.

Barmer: Deine Muttersprache ist Deutsch. Wieso hast du dich entschieden, auf Englisch zu schreiben?

MARY: Stimmt, Englisch ist nicht meine Muttersprache. Und dennoch verbindet mich sehr viel mit ihr. Es fing alles in Dänemark an, wo wir oft Urlaub machten. Ich las als Kind und Jugendliche schon recht viel, so bin ich auch dort in eine Buchhandlung gegangen, um mir tolle Geschichten auszusuchen. Da ich dort nur die Auswahl zwischen dänischen und englischen Büchern hatte, fiel meine Auswahl natürlich auf Letzteres. Seitdem lese ich alle englischen Bücher und schaue alle englischen Serien nur im Original. Als ich anfing, mich mit meinem Autorendasein zu beschäftigen, erfuhr ich zudem, dass jährlich nur etwa 30 deutsche Bücher übersetzt werden. Der Gedanke, dass meine Geschichten ein Publikum nicht erreichen könnten, gefiel mir nicht. So entschied ich mich, gleich auf Englisch zu schreiben. Was sich gelohnt hat – heute bin ich bei einem britischen Verlag unter Vertrag.

Barmer: Seit wann schreibst du und wie bist du zum Schreiben gekommen? Wann wurde aus einem Hobby eine Berufung?

MARY: Die ersten Worte verfasste ich in meinem Tagebuch und auf kleinen Notizzetteln. Mit der Zeit spürte ich, wie sehr mir die Art der Gedankenzusammenfassung half, schwierige Situationen zu überwinden. Daher ist die Basis meines Lebensrezepts definitiv die Liebe zum Wort. Worte machen mich glücklich. Und die Möglichkeiten, die sie mir geben, sind so unendlich. Ich fühle mich nicht nur in Geschichten, die ich lese, verstanden. Sondern auch in jenen, die ich schreibe. In ihnen kann ich mich verlieren und der Realität entfliehen. Zu meiner Berufung wurde das Schreiben, als ich vor drei Jahren meine Romanidee einem Verlag vorstellte und direkt angenommen wurde – der Rest ist im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte (grinst).

Barmer: Ist dein Lebensrezept gleichzeitig dein Rezept fürs Glücklichsein?

MARY: Ich denke schon, denn durch das Schreiben habe ich viel über mich und mein Umfeld gelernt. Das sind Lektionen, die ich als Autorin aus meinen Geschichten entnommen habe. Meine Figuren, starke und interessante Frauen, haben den Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Und da dies ja Ideen aus meinem Kopf sind, die ich da zu Papier bringe, weiß ich, dass ich diese Kraft in mir trage. Wenngleich ich sie nicht immer spüre. Darüber hinaus habe ich durch mein Lebensrezept gelernt, allein sein zu können. Was man auf keinen Fall mit „einsam“ verwechseln sollte. Alleinsein zu können ist ein ganz wichtiger Prozess, wie ich finde. Ich bin zeitweise sehr gerne alleine und das Schöne ist, dass es beim Schreiben absolut legitim ist.

Barmer: Die Welt der Fantasieromane ist eine Welt, in die man eintaucht, um der Realität zu entkommen. Hast du deshalb „Fantasy“ als dein Genre gewählt?

MARY: Unterbewusst ganz bestimmt. Und je mehr ich darüber nachdenke und im Thema bin, desto stimmiger wird diese Entscheidung. Ich habe lange Zeit unterdrückt, meinen Vater mit sechs Jahren verloren zu haben und leide seit meinem 12. Lebensjahr unter Depressionen. Unterdrückte Emotionen spielen diesem Zustand in die Karten. Das Lesen, Schreiben und gleichzeitige Eintauchen in eine Fantasiewelt, die nichts mit meinem Alltag zu tun hat, half und hilft mir. In Fantasy-Erzählungen verbirgt sich hinter jeder Tür ein neues Geheimnis und sie wimmeln nur so von Protagonisten, die ihr eigenes Schicksal und das Ende ihrer Geschichte in die Hand nehmen. Das finde ich großartig und lässt für mich das Leben leichter fühlen. Fantasie hat etwas ganz Positives – und das möchte ich auch in meinen Texten vermitteln.

Barmer: Möchtest du dabei deinen Leserinnen und Lesern Mut machen?

MARY: Puh, das kann ich nur schwer sagen. Veröffentlicht habe ich jedoch nie mit der Intention, anderen meine Gedanken schmackhaft zu machen. Ich habe lediglich gemerkt, dass mir das Publizieren auf meinem Blog richtig gutgetan hat. Was anfangs als Projekt für ein, zwei Monate geplant war, stellte sich für mich als echtes Lebensrezept heraus. Die Routine, sich jeden Tag bewusst Zeit zum Schreiben zu nehmen, war wundervoll für meine Seele. Als ich begann, habe ich daher nie mit dem Zuspruch gerechnet, den ich heute erhalte. Besonders junge Mädchen teilen mir mit, wie sehr ihnen meine Offenheit half, mit ihren eigenen Sorgen und Ängsten umzugehen. Mehr kann ich mir echt nicht wünschen – wenn ich Menschen Mut machen kann, dann macht mich das glücklich.

Barmer: In deinem „Über Mich“-Text auf deinem Blog schreibst du: „This is a world where it's probably always October“. Was reizt dich an einer Welt im ewigen Herbst?

MARY: Der Herbst ist einfach die ideale Jahreszeit für meine Seele. Im Sommer fühle ich mich oft unter Druck gesetzt, jede Sonnenstunde draußen zu nutzen. Was dazu führt, dass ich meinem Lebensrezept nicht wirklich nachgehen kann. Schreiben erfordert für mich ein gemütliches, eher zurückgezogenes Umfeld, in dem ich entschleunigen und meinen Gedanken bei unzähligen Tassen Tee ganz viel Raum geben kann. Das bunte Laub, die Regentage und dieses schummrige Licht machen den Herbst für mich zu einer Zeit zum Runterkommen. Er hat was Nostalgisches, das mag ich.

Barmer: Mit „Let's fall down a rabbit hole“ beendest du deinen „Über Mich“-Text. Was fasziniert dich an Alices’ Geschichte aus dem Wunderland?

MARY: „Alice im Wunderland“ ist die Fantasiegeschichte schlechthin. Es war das erste Buch, das man mir als kleines Mädchen vorlas und das erste, das ich einige Jahre später zu lesen begann. Das Zitat bezieht sich ganz stark darauf, dass man in eine Geschichte hineinfällt und lässt mich spüren, dass man sich auch fallen lassen soll. Besonders eine Szene fasziniert mich: Als Alice auf den Hutmacher trifft, fragt er sie, ob er verrückt sei. Woraufhin Alice antwortet, dass die besten Menschen ein bisschen verrückt sind. Das ist, besonders für Menschen wie mich, eine ganz wundervolle und wichtige Botschaft.

Barmer: Der Großteil deiner Fotos in den Sozialen Medien zeigt dich im Profil oder von hinten. Deine Augen bekommen wir selten zu sehen. Liegt es daran, weil sie irgendwie doch der Spiegel der Seele sind?

MARY: Oh, (lacht) das ist eine schöne Frage. Ich versuche sie so zu beantworten: Die erste Fassung meines Buches war als Rätsel aufgebaut. Wohin geht es? Was wird passieren? In der Fantasiewelt läuft die Hauptfigur oftmals den Dingen hinterher – damit kann ich mir sehr identifizieren. Und ich finde den Gedanken schön, auf Anhieb nicht immer alles zu wissen und Raum für Vorstellungskraft zu lassen. Wahrscheinlich sind dies alles Gründe für meine etwas geheimnisvollen Fotos: Einfach nicht alles zeigen und mich in den Hintergrund stellen.

Barmer: Bitte vervollständige diesen Satz: Ein Leben ohne Schreiben ist wie …

MARY: ...ein Filmabend ohne Schokolade.  

 

Autorin: Sarah Meerhaus

Qualitätssicherung Barmer: Internetredaktion

Webcode dieser Seite: s080031 Autor: BarmerLetzte Aktualisierung am: 22.11.2018
Nach oben